Leseprobe

[...]

3
Mit einem Schrei erwacht er. Maximilian lauscht der eigenen Stimme nach. Da ist ein Gefühl wie Schwindel, die letzten traumatischen Erinnerungen tauchen für einen kurzen Moment auf. Es ist, als käme etwas auf ihn zu!
Lange liegt er bewegungslos in seinem Bett, schließlich erhebt er sich, sucht mit den Füßen nach den Hausschuhen, fühlt mit der rechten Hand den Schalter der Nachttischlampe und betätigt ihn. Kein Licht.
Jetzt erinnert sich Maximilian an Iwa.
„Iwa?“, flüstert er. Keine Antwort.
Und doch ist es, als hörte Maximilian den neuen Freund sprechen: „Egal, was die hier anwesenden Personen verändern, in bestimmten Zyklen wird alles auf einen Nullpunkt zurückgesetzt. Dies geschieht ausschließlich während einer Schlafphase der Personen. Du kannst alles Mögliche mitnehmen und dich daran erfreuen oder nicht, wenn du das nächste Mal aufwachst, liegen die Ketten wieder hier in diesem gottverdammten Glasfach!“
Maximilians Hand fährt über das Kopfkissen, es ist nass von den Tränen, dann berührt er den eigenen Hals. Die Ketten sind verschwunden!
Ruckartig löst er sich vom Bett, geht vier Schritte zum Schrank. Er nimmt einen Pullover heraus, dann eine Jeans und ein Paar Socken, läuft zurück zum Bett und zieht die Sachen hastig über den Schlafanzug. Dann verlässt er das Zimmer, steht auf der kleinen Empore, von der aus es hinuntergeht.
Unten, im Wohnzimmer, sieht er keinen Schatten.
Maximilian atmet hektisch ein und aus und hält sich am Treppengeländer fest, während er vorsichtig hinuntergeht. Er achtet darauf, nicht auf die auf den Treppenstufen liegenden Bücher zu treten.
Er hat geschlafen! Oben im Bett.
„Mami?“, schreit er, so laut er nur kann. „Mami, bist du jetzt vielleicht da?“
Nichts. Maximilian rennt zur Tür. Er öffnet sie und wirft sie wieder zu. Kein Ton. Er läuft hinaus. Im Flur reißt er den Schlüssel vom Haken und hängt ihn sich um den Hals, dann verlässt er das Haus. Nach wie vor ist er allein. Kein Auto ist zu hören oder zu sehen, kein Rauschen dringt von der Autobahn zu ihm, er hört weder die Tram noch irgendetwas anderes. Er geht zum Carport, hinter den Autos steht das Fahrrad. Er zerrt es hervor und stößt mit einem Pedal gegen die Tür von Conrads Golf. Erschrocken hält Maximilian inne, fühlt mit der Hand jedoch nicht nach der Delle, sondern schiebt das Rad sogleich aus dem Carport und läuft zur Straße. Erneut blickt er sich um und lauscht. Nichts. Es ist dunkel, kein Windhauch ist zu spüren, kein Geräusch zu hören. Allmählich gewöhnt sich das Kind an diesen Begleitumstand der währenden Nacht.
Maximilian stellt das Rad an den Straßenrand, krempelt das rechte Hosenbein hoch, setzt sich auf den Sattel, stößt sich ein wenig ab und radelt los. Er fährt auf die rechte Straßenseite, bewegt sich am Rand entlang, obwohl kein Auto zu sehen ist. Immer wieder sieht er sich um. Er fährt sehr schnell. Die Stille ist bedrückend. Rechts neben der Straße führen die Straßenbahnschienen entlang, eine hohe Betonkante trennt die Tram-Trasse von der asphaltierten Fahrbahn. Er überquert die Unfall-Kreuzung, an der nächsten fährt er links, kommt in einen Kreisverkehr, radelt zum Einkaufszentrum, schiebt das Fahrrad durch die Tür des Haupteingangs, läuft zum Schmuckgeschäft und schaut durch die Glastür hinein. Alles ist ordentlich, kein Geld liegt auf dem Boden.
Eilig steigt er auf und radelt durch den menschenleeren Gang bis zum Elektronikkaufhaus, lehnt das Rad gegen ein Kassenhäuschen, betritt den Markt und rennt die stillstehende Rolltreppe hinauf.
In der Computerabteilung ist niemand zu sehen.
„Iwa?“, schreit Maximilian. „Bist du hier?“ Er setzt sich auf den Fußboden und wartet. Vielleicht hat es Iwa weiter als er. Vielleicht kommt er auch gar nicht?
Der Junge erhebt sich wieder und läuft durch den Markt. So still und dunkel war es in diesem Kaufhaus noch nie!
Er geht zwischen den Filmregalen hindurch. Überall stehen und liegen DVDs. Dann eilt Maximilian zu den Computerspielen. Er entdeckt einige, die er gern besitzen würde. Und doch lässt er sie liegen.
Am Ende des langen Durchganges, der von hohen Regalen begrenzt wird, in denen die Computerprogramme ausgelegt sind, steht eine zwei Meter große Pappfigur. Ein gruselig wirkender Comic-Held, der sich plötzlich bewegt und Maximilian den Ausgang versperrt.
Maximilian bleibt wie erstarrt stehen.
„Hallo, Maximilian Kramer! Was suchst du hier?“, fragt die Figur mit lauter Stimme.
Der Junge atmet erleichtert aus. „Iwa, musst du mich so erschrecken?“
„Iwa?“, brüllt die Figur laut. „Hier gibt es keinen Iwa!“
„Gut.“ Maximilian geht zwei Schritte zurück. „Dann muss ich dich also besiegen?“
„Du kannst mich nicht besiegen!“, schreit die Figur mit tiefer Stimme. „Ich habe Kräfte ohne Ende und bin unzerstörbar!“
„Das werden wir ja sehen!“, ruft der Junge, rennt los und springt. In der Luft streckt er das rechte Bein ruckartig aus und trifft die Pappfigur in der Mitte, die nicht zerbricht, aber umfällt. Maximilian liegt auf dem Boden.
„Oh Mann“, erklingt eine Stimme unter der Figur. Iwa kriecht hervor, erhebt sich und stellt die Figur wieder auf. „Das war ein ordentlicher Schlag. Wer hat dir das beigebracht?“
Maximilian lächelt zufrieden. „Leon.“
„Leon? Wer um Gottes willen ist Leon?“
„Leon ist mein Freund. Mein bester Freund.“
Iwa tänzelt rückwärts durch den Gang und bringt die Spiele durcheinander. „Du meinst, er ist dein einziger Freund?“
„Bist du mein Freund?“, fragt Maximilian.
Iwa dreht sich mehrmals um die eigene Achse. „Unter den gegebenen Umständen bleibt mir wohl nichts anderes übrig.“
„Dann habe ich zwei.“
„Zwei?“
„Ja. Zwei Freunde. Verstehst du nicht?“
„Doch. Ich verstehe dich gut.“ Iwa setzt sich auf den Boden. Er drückt die Einschalttaste eines Plasmabildschirms. „Schade. Wir könnten uns jetzt einen guten Film ansehen.“ Der Bildschirm bleibt wie erwartet dunkel.
„Vielleicht müssen wir eine DVD einlegen?“ Maximilian greift in einen DVD-Stapel, reißt die Folie einer Hülle ab und nimmt die DVD heraus. Er hält sie hoch. „Die Nacht der Dämonen“, spricht er geheimnisvoll. „Bist du bereit für einen FSK-18-Film?“
Iwa sitzt auf dem Boden. „Nein!“, schreit er mit schauspielerisch geschulter, verzweifelnder Stimme. „Tu es nicht! Noch mehr Horror werde ich nicht vertragen!“
Grinsend schiebt Maximilian die DVD in einen dafür vorgesehenen Schlitz des großen Plasmafernsehers. Dann setzt er sich neben Iwa, ohne ihn zu berühren. „Wegen diesen doofen Schatten kann ich mich nicht mal an dich rankuscheln, wenn es mir zu schlimm wird.“
„Vielleicht kneifen die Schatten ja ein Auge zu ... wenn sie eins haben.“
Beide starren auf den dunklen Bildschirm.
„Mist, Stromausfall“, raunt Iwa. „So etwas habe ich schon geahnt.“
Im gleichen Moment flackert der Bildschirm. Zunächst ist nur ein winziger, leuchtender Punkt in der Mitte zu sehen, doch schließlich wird der leuchtende Punkt größer und größer und nimmt bald den ganzen Bildschirm ein.
Erschrocken kriechen Maximilian und Iwa fast gleichzeitig einige Meter zurück. Sie kauern dicht nebeneinander und beobachten den Apparat.
Auf dem leuchtenden Bildschirm entstehen die Umrisse einer Person. Farben sind nicht zu erkennen. Die verzerrte Stimme einer Frau erklingt.
„Was hast du getan?“, schreit sie, während der Junge noch ein Stück zurückgleitet. „Da hast ihn umgebracht!“ Dann heult die Frau wie eine Furie.
Das Gesicht der Frau wird größer, jedoch keineswegs schärfer. „Ich will doch nur meinen Frieden haben, Maximilian. Verstehst du mich?“
Aus dem Bildschirm wachsen zwei Hände, die sich in die Richtung des zitternden Jungen bewegen.
„Iwa, mach das aus!“, schreit Maximilian.
Eine Sekunde darauf ist der Bildschirm dunkel, obwohl sich Iwa nicht von der Stelle gerührt hat. Aus dem DVD-Schlitz wird die DVD ausgespuckt und landet vor Iwas Füßen.
„Was war das?“, fragt der Student.
Der Junge zittert am ganzen Körper.
Iwa nähert sich ihm auf eine kurze Distanz, so dass die Gefahr besteht, beide könnten sich berühren. „Hallo? Klärst du mich bitte auf? Was war das?“
„Das ... das war meine Mutter.“
Iwa sieht den Jungen lange Zeit nur an. „Was wollte sie dir damit sagen? Sie schien nicht gerade erfreut darüber zu sein, dich wiederzusehen“, flüstert er. Kurz darauf schreit er fordernd: „Ich will eine Antwort! Was wollte sie von dir?“
Maximilian weint heftig. Endlich öffnet sich sein Mund. „Es ist, als wenn etwas näher kommt.“
„Was meinst du damit?“, fragt Iwa.
„Wenn ich schreie und aufwache ... Es ist, als wenn etwas näher kommt.“
„Das beantwortet meine Frage nicht!“
Kopfschüttelnd sieht der Junge dem Studenten in die Augen. „Ich weiß es nicht. Ich kann doch deine Frage nicht beantworten, wenn ich keine Antwort weiß!“
„Wen hast du umgebracht?“
„Ich habe niemanden umgebracht!“, brüllt Maximilian und kriecht weiter rückwärts. „Ich hab doch niemanden umgebracht!“ Er lässt sich auf den Boden fallen und starrt in die Dunkelheit.
Iwa legt sich schweigend neben ihn.
„Weißt du, was es bedeutet, eines Freundes Freund zu sein?“, flüstert er Minuten später.
„Wie viele Freunde hast du?“ Maximilian setzt sich neben Iwa und lehnt mit dem Rücken an einem Multimedia-Rack.
Iwa kratzt sich das Kinn. „Du solltest eine Frage nicht mit einer Gegenfrage beantworten. – Bist du mein Freund?“, fragt er schließlich.
Maximilian grinst. „Unter den gegebenen Umständen bleibt mir wohl nichts anderes übrig“, flüstert er.
„Zwei. Dann sind es zwei. Ebenfalls zwei. Wobei ...“
„Wer ist dein Freund? Ich meine in der richtigen ... Du weißt schon ... Welt.“
„Kein Freund, mein Freund. Weißt du, es gibt im Leben noch etwas. Da du ein kleines Individuum bist, wird es dir noch nicht aufgefallen sein, aber es gibt verschiedene Geschlechter, nicht nur im Sprachlichen, nicht nur in der Grammatik. Der Freund, die ...“
„... Freundin. Du hast einen Freund und eine Freundin, nicht wahr?“
„Einhundert Punkte für den Kandidaten.“
„Eine richtig feste Freundin, die du mal heiraten willst?“
„Nein, das heißt, ja. Ja, eine richtig feste Freundin. Nein, heiraten kann ich sie nicht wollen.“
„Und warum nicht?“
Iwa hält die rechte Hand hoch. „Siehst du diesen Ring? Der ist nicht aus dem Schmuckladen unten. Der wird mir nicht weggenommen, wenn ich aufwache. Das ist mein Trauring. Wir haben geheiratet ... genau drei Monate bevor dieser Scheiß losging.“
Maximilian schweigt einen Moment. „Also liebst du sie?“
„Nein. Ich habe absichtlich eine Freundin geheiratet, die ich aus meinem tiefsten Inneren heraus schrecklich hasse. Natürlich liebe ich sie! Was denkst du? Sie bekommt ein Kind von mir.“
„Ein Kind? Hast du sie geküsst?“
„Ja, ich habe sie geküsst. Glaubst du, deshalb bekommt sie ein Kind? Mein Gott! Ich habe mich schon gewundert, wie das passieren konnte.“ Iwa blickt sich um, als befürchte er, jemand könne ihm zuhören.
Maximilian flüstert. „Denk ja nicht, ich bin blöd. Vom Küssen bekommt sie kein Kind!“
„Mein Gott!“ Iwa hält sich lachend die Hände vor das Gesicht. „Kann es sein, dass du ein erwachsener Zwergmensch bist? Kann es sein, dass du mich mit deinem frühkindlichen Aussehen nur täuschen willst und in Wirklichkeit längst erwachsen bist?“
„Hör auf, Blödmann!“ Der Junge denkt nach. „Ich habe auch schon ein Mädchen geküsst“, flüstert er geheimnisvoll.
„Und? Bekommt sie jetzt auch ein Kind?“
Maximilians Gesicht färbt sich rot. „Quatsch! Sie wollte nicht, dass ich es mache. Sie hat mir eine geklebt. Seitdem tu ich’s nicht mehr. Mädchen können mir gestohlen bleiben.“
Der Student schweigt eine Weile. „Vielleicht war sie noch nicht reif genug“, sagt er schließlich.
„Reif? Es war ein Mädchen und kein Apfel.“
Iwa kneift die Lippen zusammen. „Zwischen einem Mädchen und einem Apfel sind die Unterschiede nicht gravierend, mein Freund. Anfangs sind beide unreif und ständig sauer. Kaum sind sie reif und lieblich, beginnen sie schon überreif zu werden. Kurz darauf werden sie runzlig. – Nein, was ich meine, ist: Ein Mädchen muss erst davon überzeugt werden, dass es einen Kuss von dir will. Du musst das Mädchen gründlich darauf vorbereiten. Hast du es getan bei ihr?“
„Ich habe einmal mit ihr getanzt, in der Schuldisko.“
„Einmal getanzt?“ Iwa schüttelt den Kopf. „Einmal. Immerhin. Und haben die anderen den Kuss gesehen?“
Maximilian schaut den Studenten verwundert an. „Bestimmt. Warum fragst du?“
Iwa verdreht die Augen. „Das – mein lieber Freund – war zweifellos ein großer Fehler. Den zehnten oder elften Kuss, den können andere miterleben dürfen. Jedoch niemals den allerersten, den geheimnisumwobenen, ersehnten oder nicht ersehnten, langen oder klitzekleinen Kuss. Verstanden? Wie alt warst du?“
„Ich glaube, acht.“
„Acht? Acht ist nicht okay. Als ich acht war, habe ich noch nicht einmal im Traum an Küsse gedacht. Schon gar nicht an Mädchen.“
„Es war ja nur das eine Mal. Ich wollte wissen, wie es ist, und den anderen zeigen, dass ich sie mag ...“
„Und deine Jetzt-küss-ich-dich-Aktion war zweifellos erfolgreich?“
Der Junge antwortet nicht. Er lauscht. „Sag mal, hörst du was?“
„Man hört hier nie etwas. Hast du das schon vergessen ... Warte mal ...“ Auch Iwa horcht in die Dunkelheit und verbessert sich: „Es sei denn ...“
Licht durchflutet plötzlich den Verkaufsaum. Es strahlt von der Rolltreppe. Das gleichmäßige Summen der sich bewegenden Stufen ist zu hören.
Maximilian springt auf.
„Bleib hier!“, schreit der Student. „Das müssen wir uns nicht antun!“
Der Junge kümmert sich nicht um die Warnung. Er rennt im Gang zwischen den hohen Regalen hindurch, rutscht in der letzten Kurve aus und schlittert in einen Berg gestapelter Filme, die den Jungen unter sich begraben. Maximilian wühlt sich hinaus, wie entfesselt sind seine Bewegungen, er tritt auf ein Cover, rutscht aus und stürzt erneut.
„He, warte bitte!“, hört er Iwa brüllen. „Wir dürfen das nicht ...“ Doch der Junge kriecht auf dem glatten Boden weiter.
Schwarze Schatten versperren ihm den Weg. Sie sind unglaublich schnell. Zwischen den Schatten erkennt Maximilian die Rolltreppe, die sich gleichmäßig und langsam hinaufbewegt. Die Seitenwände der Rolltreppe sind gläsern, und so sieht Maximilian für einen Moment ein kleines Kind, das auf einer der metallenen Stufen kniet.
Maximilian rappelt sich auf, rennt wie wild geworden im Zickzack, versucht den schwarzen Schatten mit hastigen Wendungen auszuweichen, aber es werden immer mehr. Einen berührt er während der Jagd. Der Junge scheint von einem Blitz getroffen zu sein, er wird durch die Luft gewirbelt, kracht mit dem Rücken auf das Geländer der Rolltreppe, rutscht ein Stück hinunter und landet genau vor jenem Kind.
Der Bruchteil einer Sekunde bleibt Maximilian, um zu erkennen, dass dieses Kind keine zwei Jahre alt ist, eine Latzhose trägt und ein Jäckchen. Nur eine einzige Stufe ist das Kind von ihm entfernt. Es starrt ihn an, als würde es ihn sehen.
Die Treppenstufen gleiten bereits ineinander, Maximilian hört das quietschende Metall. Er sieht die schwarzen Schatten, die sich rasend schnell nähern, und er sieht, dass sich das Kapuzenband der Jacke des Kindes mit beiden Enden zwischen den Stufen verfangen hat!
Maximilian streckt den Arm aus und ergreift das blaue Bändchen an einem Ende. Gleichzeitig trifft ihn der Schlag eines schwarzen Schattens und schleudert ihn mit voller Wucht die Rolltreppe hinunter.
Ganz unten bleibt Maximilian liegen, spürt die jähe Dunkelheit und die schwarzen Schatten um sich herum. In der Hand fühlt er das Bändchen.
„Wir dürfen das nicht!“, hört Maximilian Iwa aus großer Entfernung schreien.
Doch der Junge lacht laut. Er kämpft sich vorwärts, wird währenddessen wie ein Spielball zwischen den Regalen umhergewirbelt und ist den ständigen Berührungen der schwarzen Schatten ausgesetzt.
Als Maximilian endlich die Umrisse seines Freundes erkennt, beginnen viele Schatten im Kreis um den Jungen zu tanzen, werden immer schneller und schneller, bis ein Sog entsteht, der den mit den Armen rudernden Jungen unaufhörlich in die Höhe zieht.
Ohne Vorwarnung lösen sich die Schatten in nichts auf, der Sog verschwindet und Maximilian stürzt in eine endlose Tiefe.
Er schreit wie am Spieß.

4
Maximilian reißt die Augen auf und lauscht der eigenen Stimme nach. Das Etwas, das auf ihn zurast, ist grau. Fragmente des Traumes bleiben. Aber warum der Schrei?
Er liegt in seinem Bett, erhebt sich schließlich, sucht mit den Füßen nach den Hausschuhen, fühlt mit der rechten Hand den Schalter der Nachttischlampe und betätigt ihn. Die Lampe bleibt dunkel.
Jetzt erinnert sich Maximilian an das Kind, und ahnt, das eingeklemmte Bändchen hätte das Kind stranguliert. Es sollte jetzt tot sein.
Er öffnet die Faust und sieht das Bändchen. Es ist nicht verschwunden, es ist nicht aus dieser Welt!
„Iwa?“, flüstert er, doch ihn erreicht keine Antwort.
Maximilians Hand fährt über das Kopfkissen, es ist nass. Warum? Er hat nicht geweint, er hat gelacht!
Der Junge steht ruckartig auf, zieht die rutschende Schlafanzughose hoch und geht vier Schritte zum Schrank. Er nimmt einen Pullover heraus, dann eine Jeans und ein Paar Socken, läuft zurück zum Bett und zieht die Sachen über den Schlafanzug. Er verlässt das Zimmer, steht auf der kleinen Empore, von der aus es hinuntergeht.
Unten, im Wohnzimmer, sieht er viele Schatten.
Vorsichtig und langsam steigt Maximilian die Treppe hinunter. Er ist mutig.
„Was wollt ihr?“, hört er die eigene Stimme fragen.
Bewegung kommt in die Schatten, sie bilden einen Gang, durch den er laufen muss. Am Ende dieses Durchganges steht der lederne Sessel, der Conrad vorbehalten ist. Maximilian nimmt keine Rücksicht darauf und setzt sich. Die Schatten weichen nicht von seiner Seite.
Dem Jungen bleibt etwas Zeit. Er beobachtet die merkwürdigen Gäste. Sie sind unterschiedlich groß und haben die Form menschlicher Gestalten. Und doch sind sie leicht transparent. Sie können sich gegenseitig berühren.
Ein Windhauch fegt durchs Wohnzimmer. Maximilian dreht sich um und schaut über die Sessellehne. Es ist, als hätte jemand kurz die Haustür geöffnet und wieder geschlossen.
„Maximilian Kramer? – Bist du hier?“
Der Junge erhebt sich und die Schatten rücken näher. „Iwa? Ich bin hier!“
Der Student schlendert durch die Reihen der schwarzen Schatten, die ihm Platz machen, die Hände in den Hosentaschen, abwechselnd nach rechts und links blickend. Er geht zum Sofa und legt sich darauf.
„Du hast dir ja einen netten Besuch eingeladen. Gibt’s was zu feiern?“ Iwa grinst die Schatten und schließlich den Jungen an, der verängstigt im Sessel versinkt.
„Weißt du, was das soll?“, fragt der Junge, und erneut wandern die Augen durch die Reihen der Schatten.
„Wahrscheinlich hast du Stubenarrest“, antwortet Iwa und lacht.
„Glaubst du, dass das Kind noch lebt?“, flüstert Maximilian.
„Vielleicht. Es hat sich nicht so in nichts aufgelöst wie die anderen. Es ist schlagartig verschwunden. Baff – weg, verstehst du?“
Maximilian hält das Bändchen hoch.
„Was ist das?“, fragt Iwa und schlägt die Beine übereinander.
„Es ist von seiner Kapuze. Es hatte sich zwischen den Stufen verklemmt und hätte dem Kind den Hals zugeschnürt. – Iwa! Der kleine Junge wäre gestorben, wenn ich nicht …!“
Iwa dreht sich zu Maximilian. „Hast du eine Ahnung, wie viele kleine Kinder jeden Tag sterben?“
Maximilian schweigt einige Momente lang. Die Schatten rühren sich nicht. „Was meinst du mit Wertansprüchen?“, fragt er plötzlich.
Iwa sieht erstaunt auf. „Wie kommst du jetzt da drauf?“
„Du hast gesagt, bis zum zehnten Lebensjahr bilden sich die Wertansprüche im Menschen. Ich bin fast zehn und will wissen, was dann mit mir passiert!“
Ein Lächeln tritt in Iwas Gesicht. „Du hast mir ja tatsächlich zugehört, das ist schön. – Die Wertvorstellungen ... Sie werden natürlich nicht genau zu deinem zehnten Geburtstag festgelegt. Ich gehe davon aus, dass du bereits heute in Werten denkst.“
„In Werten denken?“
„Ja, mein Lieber. Wollen wir ein praktisches Experiment machen?“
„Okay, Tu es.“
Iwa setzt sich und schaut den Jungen durchdringend an. „Ich nenne dir einen Begriff, und du sagst mir, was dir dazu einfällt.“
„Okay.“ Der Junge zieht die Knie an den Oberkörper heran und hockt bewegungslos im Sessel.
„Mercedes“, sagt Iwa.
„Ein Mercedes ist teuer.“
„Nein, nein. Sag nur einzelne Wörter, Begriffe, Eigenschaften, die dir dazu einfallen.“
„Okay.“ Maximilian lächelt. Er überlegt ein Weilchen und antwortet schließlich: „Teuer, wertvoll, schnell, schön. Ist das gut so?“
„Ja. Völlig richtig.“
„Die nächsten Synonyme: Mutter, Mami, Mama ...“
Der Junge zögert. Fast scheint es, als blicke er die Schatten hilfesuchend an. Er flüstert: „Ich weiß nicht.“
„Dir fällt nichts zu deiner Mutter ein?“
„Doch … vielleicht Hilfe oder Hass?“ Ein fragender Unterton liegt in seinen Worten.
„Hilfe oder Hass? Was soll das? Aber, von mir aus. – Das nächste Wort ist Vater.“
„Das möchte ich nicht“, flüstert Maximilian.
„Warum möchtest du das nicht?“ Auch Iwa spricht sehr leise.
„Weil er nicht mehr lebt. – Verstehst du? Er ist tot!“
„Du hast gesagt, deine Mutter hätte ihn weggeschickt!“
„Später erst hat sie erklärt, warum Papi gehen musste. Darüber haben wir noch nicht geredet. Und ich will es auch nicht.“
„Wie meinst du das?“ Maximilian schaute die Mutter fragend an. Die Hände zitterten, im Hals war plötzlich alles eingetrocknet.
Maximilians Mutter hielt Fotos in der Hand, Wimperntusche lief über die Wangen, hinterließ schwarze Linien. Sie legte die Bilder auf den Stubentisch und drückte Maximilian an sich heran. „Dein Vater war sehr krank. Er hatte Krebs, Maximilian. Er wollte nicht, dass wir ihn leiden sehen. Er wollte, dass du einen neuen Vater bekommst, einen, der länger leben darf als er.“
Der Junge brach in Tränen aus und klammerte sich an die Mutter.
„Also habt ihr mich die ganze Zeit belogen?“
„Es war gut so für dich. Du hättest gelitten, wie Papi.“
„Warum habt ihr das getan?“, flüsterte er.
„Du hättest es nicht verstanden und wärest daran zugrunde gegangen. Als du deinen Vater angerufen hast und die Frau am Telefon war, ging es ihm sehr schlecht. Du hast mit einer Krankenschwester gesprochen. Er lag im Krankenhaus.“
„Warum ... durfte ich Papi nicht mehr sehen?“
„Er wollte, dass du ihn so in Erinnerung behältst, wie er früher war. Das ist der ganze Grund.“ Sie zog ihren Sohn auf den Schoß und blickte ihm in die glänzenden Augen. „Wir müssen jetzt tapfer sein, Maximilian. Alle beide müssen wir jetzt tapfer sein. Wir können ihn nicht zurückholen. Dort, wo Papi jetzt ist, gibt es kein Zurück. Dort, wo er sich jetzt befindet, ist das Ende, über das es keinen Weg hinaus gibt.“ Und noch einmal drückte sie den Jungen fest an sich. „Vielleicht wird Conrad ein guter Papi für dich.“
Sie weinten lange Zeit gemeinsam.
Bis die Haustür ins Schloss krachte und Conrads plärrende Stimme fragte: „Was heult ihr hier rum?“
Von beiden erntete er hasserfüllte Blicke.
Die Mutter zog ihren Sohn mit sich. In der Küche flüsterte sie: „Willst du dabei sein, wenn dein Vater beerdigt wird?“
Maximilian hielt sich am Hals der Mutter fest, viele Tränen liefen über seine Wangen, vermischten sich mit denen der Mutter.
„Ja, Mami. Ich will dabei sein“, flüsterte er ihr ins Ohr.

„Als mein Papi beerdigt wurde, habe ich so richtig begriffen, dass ich ihn niemals wiedersehen würde. Ich habe alles begriffen. Und ich habe mich geschämt, weil ich ihn eine Zeit lang gehasst habe.“
Iwa schweigt.
„Was ist nun?“, fragt der Junge. „Ist der Test beendet?“
Als sei er in Trance versunken gewesen, schreckt Iwa hoch. „Ja, Maximilian. Ich werde dir nun erklären, dass du bereits heute in Werten denkst. Das erste Wort war Mercedes. Du betrachtest dieses Auto als etwas sehr Wertvolles. All die Begriffe, die du nanntest, beziehen sich auf den Wert eines Mercedes’. Jemand, dessen Mercedes vielleicht ständig in der Werkstatt steht, oder jemand, der sich ein ganz anderes Auto gekauft hat und damit sehr zufrieden ist, würde den Wert niemals so einschätzen wie du. – Mutter und Vater aber sind für dich das Wertvollste. Sie sind unersetzlich. Momentan sind beide weg, was dich sehr beschäftigt. Wahrscheinlich bittest du deine Mutter um Hilfe, die sie dir jetzt nicht geben kann, deshalb hasst du sie. Du denkst in Werten. Und dieses Denken bleibt dir auch in der hiesigen Welt erhalten, obwohl viele Dinge ihren Wert komplett verloren haben. Verstehst du mich?“
Maximilian nickt. „Hast du auch eine Erklärung für das hier? Was wollen die in meinem Haus?“ Er zeigt auf die Schatten, die regungslos im Raum verharren, als würden sie das Gespräch der beiden belauschen.
„Ich sagte bereits: Vielleicht ist es ein Stubenarrest. Hast du versucht das Haus zu verlassen?“
„Nein.“
„Dann versuch es doch mal.“
„Meinst du?“
Zögernd erhebt sich der Junge aus dem Sessel. Sogleich kommt Bewegung in die Schattenwesen. Es gibt keinen Durchgang. Maximilian nähert sich ihnen und streckt eine Hand aus. Im gleichen Moment erhält er einen Schlag. Er wird mit großer Wucht in den Sessel zurückgeworfen.
Iwa lacht. „Das sah lustig aus. Wenn du einen von ihnen berührst, dann werden die Schattengeister für einen Moment undurchsichtig. – Glaub mir, das ist hier die Polizei. Wo Menschen sind, gibt es Sicherheitsleute, weil Menschen nicht ohne Dummheiten existieren können. Anders gesagt, widerspricht das deiner Meinung, wir wären tot.“
„Warum denkst du das? Auch tote Menschen sind Menschen.“
„Es sind aber die einzigen Menschen, auf die niemand aufpassen muss. Wahrscheinlich die einzigen, denke ich.“
Maximilian beschleicht ein merkwürdiges Gefühl. Urplötzlich kommt Bewegung in die Schatten. Der Junge reißt die Augen weit auf, denn er sieht, dass sich ein Wesen nach dem anderen in einem Lichtschein auflöst. Geblendet hält er die Hand vor die Augen, dann scheint es ihm, als würde sich das Zimmer zu drehen beginnen. Ein Schwindelgefühl ergreift den Jungen, er wird in den Sessel gepresst und erkennt für einen Augenblick, dass es Iwa nicht anders ergeht.
Maximilian schließt die Augen.
Wenig später lässt das Kreiseln nach.
Vorsichtig blinzelt der Junge. Noch immer ist es hell, noch immer kauert er im Sessel. Doch ringsum ist alles verändert. Es gibt kein Wohnzimmer mehr. Es gibt nur eine helle, neblige Unendlichkeit. Das Sofa, auf dem Iwa liegt, der ebenso überrascht die neuen Bilder in sich aufnimmt, scheint zu schweben.
„Was ist los?“ Maximilians Worte verlieren sich gedämpft in der Weite.
Iwa setzt sich aufrecht hin und versucht mit einem Fuß den Boden zu erreichen. Er zuckt zurück, denn unter dem Sofa ist nichts als Leere. „Keine Ahnung“, flüstert der Student und kratzt sich am Kopf. „Jedenfalls verstößt es gegen so ziemlich alle Gesetzmäßigkeiten.“
„Sind wir vielleicht ...“, Maximilian zögert zunächst, die Frage zu beenden, „ ... im Himmel?“
Iwa kniet mittlerweile auf dem Sofa und schaut hinter sich. „Bin ich Moses? Jedenfalls hat das Ganze etwas davon. Weißt du, die alten biblischen Vorstellungen. Bist du in der Kirche?“
„Nein. Sollte ich das?“
„Quatsch. Aber ich habe mal drei Semester Religion mitgemacht. Darum frage ich.“ Iwa stockt. Zögernd hebt er einen Arm. Er zeigt in die Richtung hinter Maximilians Sessel. „Kuck mal, wer da kommt“, flüstert er.
Nun kniet der Junge ebenfalls, dreht sich um und blickt über die Sessellehne. „Ach du liebe Scheiße!“, dringt es aus seinem Mund. „Was ist denn das?“
„Haben wir nicht gerade von Gott geredet?“ Der Student verschränkt die Arme. „Schon ist er da.“
Maximilians Mund steht offen. Eine Gruppe weißer Gestalten nähert sich geräuschlos. Merkwürdige Gefühle strömten auf den Jungen ein.
In der Mitte der Gruppe schwebt ein in hellem Nebel verhülltes Geschöpf, das wenigstens vier Meter groß ist. Die Statur entspricht der eines kräftigen Mannes, nur ihre Umrisse sind im Nebel zu erkennen. Um ihn herum bewegen sich kleine, kindlich wirkende Wesen, die nicht vom Nebel umhüllt, jedoch weiß sind. Statt Arme besitzen sie flügelartige, durchsichtige Auswüchse, die in Maximilian ein engelgleiches Bild entstehen lassen.
Die Gruppe schwebt über Maximilians Sessel hinweg, macht kehrt und kommt zur Ruhe.
Obwohl der Junge bei der großen Gestalt keine Augen sehen kann, fühlt er sich beobachtet.
Das Wesen nähert sich Maximilian. Fast glaubt der Junge, nun doch die Augen und einen Mund zu erkennen. Es beugt sich nicht, sondern schwebt ein wenig hinab.
Maximilian lauscht. Er glaubt Worte zu vernehmen, ohne dass der Fremde spricht.
„Zu verweilen hier – ich dir erlaubte.“
Der Junge starrt das Wesen mit weit geöffneten Augen an. Zunächst bewegen sich nur die Lippen. „Wer bist du?“, haucht er.
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, Wörter strömen auf Maximilian ein, die er weder verstehen noch erklären kann.
„... gravis ... opilio ... nicht ... orcus ... tempus ... die ... tellus ...“
„Was meinst du damit?“, flüstert der Junge erstaunt.
„Darf sein nicht – ist geschehen. Rette nicht unser – die ander Welt. Umkehr noch – mein Engel zeigt ...“
„Ich verstehe kein Wort!“, ruft Maximilian hilflos und sieht an der Gestalt vorbei, um Iwas Blicke zu erhaschen. „Warum sind wir hier? Wer bist du? Sind wir tot? Was soll das alles?“
Der Fremde hebt eine Hand. Iwa vergeht mitsamt dem Sofa. Maximilian schaut hilfesuchend um sich, doch der Freund bleibt verschwunden.
Noch näher kommt der schemenhafte Kopf der Gestalt an Maximilians Gesicht heran, fast glaubt der Junge einen warmen Hauch zu spüren.
Der Fremde bewegt die Arme und berührt Maximilians Kopf mit Händen, die keine Finger haben. Das Kind ist gezwungen, die Augen zu schließen. Von seltsamen Gefühlen berührt, durchströmen es wirre Gedanken. Nun gleitet es schwerelos im Nebel.
„Dein Name ist Maximilian Kramer?“
Der Junge öffnet vorsichtig die Augen. Ungläubig saugt er die Eindrücke der Umgebung auf. Er sitzt im Gras auf einer unendlichen Wiese. Die Sonne scheint, es ist angenehm warm. Er glaubt Vogelgezwitscher zu hören. In der Nähe sprudelt ein Bach. Neben ihm steht ein alter Mann, der einen Umhang aus grobem Leder trägt, und eine sackartige Hose. Er hält einen Stock in den Händen, an dem ein Glöckchen befestigt ist, das in feinsten Tönen klingelt, sobald der Mann den Wanderstock bewegt.
„Dein Name ist Maximilian Kramer?“, fragt der Fremde erneut und setzt sich neben Maximilian ins Gras.
„Wer sind Sie?“
„Du hast mich bereits nach meinem Namen gefragt. Und ich gab dir eine Antwort. Wenn du so willst: Ich bin der Hirte, den du suchtest. Wir wurden von der Herde getrennt. Nun ist es eine Frage der Zeit, dass der Hirte uns findet.“
„Das hat Iwa gesagt. Woher wissen Sie ...“
„Ich habe deine Erinnerungen aufgenommen, auch um deiner Sprache habhaft zu werden, Maximilian Kramer. Ich bewege mich in den Zeiten und Welten. Nur wenige bleiben lange. Nur selten bin ich gezwungen zu reden. Verstehst du mich?“
Der Junge nickt. „Also sind Sie Gott?“
„Ich bin der Hirte dieser Welt. Ein Mensch nannte mich Gott. Auch mit ihm musste ich reden. Er war wie du, Maximilian Kramer. Ich stammelte die wenigen Begriffe, die ich seiner Sprache zuordnen wollte: gravis ... opilio ... tempus ... tellus ... Auch er fragte nach meinem Namen. Dabei wollte ich ihm ganz andere Dinge erklären. Dass ich ein bedeutsamer Hirte über die Zeit und die Zwischenwelt sei. Er kürzte die Begriffe, die ich ihm nannte, einfach ab.“
„Er war wie ich? War er auch ein Junge? Ein Kind?“
Der alte Mann lächelt. „Nein, Maximilian Kramer, ein Kind war er nicht. Ein Mann, sehr klug, mit kindlichem Gemüt und ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn. Und äußerst sensibel. Daher ähnelt er dir.“ Behutsam fährt er dem Kind durch die Haare.
„Kenn ich ihn?“
„Du wirst ihn nicht persönlich kennen, Maximilian Kramer. Doch brachte dieser junge Mann es fertig, das Gleiche anzustellen, das du vollbrachtest. Er mischte sich aktiv in Dinge ein, in die er sich nicht hätte einmischen sollen.“
Der Junge glaubt, dass sein Gesicht rot anläuft. „Hat er etwa auch jemanden gerettet?“
Der Hirte lächelt. „Er konnte nicht widerstehen. Er ging am Strand des ruhenden Meeres entlang und sah ein Kind, dem Ertrinken nahe. Die schwarzen Engel versuchten ihn aufzuhalten, doch er widersetzte sich ebenso und hielt das Kind über Wasser und brachte es zum Strand.“
„Wie war sein Name?“
„Man nannte ihn Josefs Sohn.“
„Josefs Sohn? – Ein komischer Name. Und er war hier bei dir?“
„Ja, Maximilian Kramer. Er war lange Zeit hier.“
„Was ist das hier?“ Der Junge erhebt sich aus dem Gras und steht fragend vor dem Hirten. „Es ist alles so merkwürdig.“
[...]