[...]
Feldmüller zappelte nervös mit den Beinen.
17:30 Uhr. Der Beamte aus dem Jugendclub hatte ihn gerufen.
Zuvor machte der stellvertretende Einsatzleiter Lutz Boger seinen Chef auf einen jungen Mann aufmerksam, der einen roten Kadett und eine Freundin in Zellerau besaß. Indizien, die auf eine Verbindung zum laufenden Fall hindeuten könnten. Der Kriminalhauptkommissar verlangte, dass Boger an dieser Person dranbleiben sollte. Tag und Nacht.
"Und?"
Der Beamte hinter dem alten DDR-Schultisch zuckte mit den Schultern. "Es ist komisch."
"Was - komisch?"
"Na, komisch eben." Er reichte Feldmüller einen Kopfhörer. "Sie können ja mithören ..."
Feldmüller drückte eine Ohrmuschel an das rechte Ohr.
Ein Rauschen.
Dann eine kaum hörbare Frauenstimme: "Schatz, hast du mein Beauty-Case gesehen? Da sind die Zahnbürsten drin."
"Zuletzt auf dem Flughafen." Eindeutig eine Männerstimme.
"Ich will den Kleinen ins Bett bringen."
"Dann putzt er eben heute keine Zähne."
"Er hat Bonbons gegessen."
"Bonbons?" Starkes Rauschen erklang im Hintergrund. Feldmüller öffnete seine Augen weit, als würde er so besser hören können.
"Ja, Bonbons."
"Schau doch mal vor der Tür nach, vielleicht steht das Beauty-Case noch draußen?"
"Tommy, sei ein Lieber und schau vor der Tür nach, ob der Papa dort den kleinen Koffer vergessen hat!"
"Ja, Mama, ich geh schon!" Eine Tür schlug zu ...

Feldmüller schlief allmählich das Gesicht ein. Fragezeichen schwebten durch den spärlich eingerichteten Raum, der nur noch aus Kabeln bestand. An den Wänden klebten alte, handgefertigte Plakate.
"Die Familie ist heute angekommen. War in Griechenland. Eine Frau, ein Mann, ein Kind." Mehr konnte der Beamte nicht erklären.
"Dorfstraße 1?", fragte Feldmüller.
"Ja", antwortete der Beamte kurz und knapp.
"In Görkes?"
Der Beamte schwieg, die Pause wurde Feldmüller zu lang. "Was ist? - Die Abhörtechnik steht in Görkes, Dorfstraße 1?", wiederholte er seine Frage. Laut und deutlich.
Der Beamte nahm langsam den Kopfhörer vom Kopf, klickte an ein paar Schaltern herum und erhob sich. Seine abstehenden Ohren waren knallrot. Er nahm eine Schachtel Zigaretten aus seiner Brusttasche, dazu ein Feuerzeug. Nachdem er Qualm im Raum verteilt hatte, schüttelte er den Kopf, kramte in einem Aktenkoffer und hielt Feldmüller ein Blatt Papier vor die Nase.
Zu allem Überfluss kam gerade in diesem Moment der Leipziger Hinrich durch die Tür. "Nun, Kollegen, was gibt's Neues?"
Feldmüller stand die Zornesröte im Gesicht. "Neues?" Seine Stimme verhieß nichts Gutes. Sie war geladen und voller negativer Energie. "Neues?" Er schlug mit der flachen Hand gegen eine Wand, dass das ganze Bauwerk wackelte. "Die neusten Erkenntnisse - mein lieber Kollege - besagen, dass in Feldbach, einem Dorf vierzehn Kilometer hinter Görkes, eine dreiköpfige Familie, leicht gestresst ihren wohlverdienten Urlaub in Griechenland beendet hat und nun wieder daheim angekommen ist!" Feldmüller schrie plötzlich, als wollte er den ehemaligen Jugendklub zum Einsturz bringen. "Und weißt du, mein lieber Kollege aus Leipzig, was die allerneuste Erkenntnis ist? - Die Zahnbürsten sind verschwunden. Und wahrscheinlich muss der arme Junge heute ohne das gewohnte abendliche Zähneputzen ins Bett! - So schrecklich sieht es aus! - Gottverflucht! Das sind UNSERE neuen Erkenntnisse. Ermittelt mit Hilfe einer Überwachungsmaschinerie, der zehn Mann eines Spezialkommandos angehören, dazu die teuerste Technik, die unsere Polizeidirektion auf die Schnelle ausgeliehen bekam!" Er hielt Hinrich den Zettel vor die Augen. "Hier! Die Einsatzanweisung, unterschrieben von meinem lieben Freund und Kollegen Lutz Boger! Und jetzt gerade versucht der Kerl, uns von den Spuren wegzulocken, die sicherlich sehr heiß sind, indem er erzählt, es gäbe da einen Opel-Kadett-Fahrer, der eine Freundin in Görkes hätte! - Boger ist mit Sicherheit der Feind in unserem Bett."
Und Hinrich? Der nahm Feldmüller mit hinaus, dass der andere Beamte nicht mithören konnte. Dort klopfte der Leipziger Kommissar dem Schweriner auf die Schulter. Einfach so. Und er lächelte dabei. "Mein Gefühl. - Was bin ich stolz auf mich. - Mein lieber Assistent Engler in Leipzig hat herausgefunden, dass Kommissar Boger seinen S-Klasse-Schlitten bar und in Einhundert-Euroscheinen bezahlt hat. Vor drei Wochen, in einem Rostocker Mercedes-Autohaus. - Ich sagte ja bereits, die Schwester von Gottlob wusste ganz genau, dass wir anrücken. Und das, mein Lieber, war mein Gefühl. -Jetzt haben wir die Beweise."
"Aber ..." Feldmüller schob Hinrich zur Tür hinaus. "Aber ... wie sollte Boger da hineingeraten sein? Das ist doch unmöglich!"
"Kennst du nicht die Autowerbung?" Hinrich sah trotz seiner Worte sehr ernst aus. "Nichts ist unmöglich, mein lieber Kollege. Bürgermeister sind bestechlich, Beamte sind es erwiesenermaßen ... Warum sollten es nicht auch Kommissare sein? - Es gibt nicht nur so liebe Kerle wie dich und mich."
Feldmüller kratzte sich am Kinn. "Und nun?"
"Sofort Haftbefehl gegen Boger erwirken, auch wenn es schwer fällt ... Fahndung einleiten ... Ich kümmere mich um die Überwachungstruppe. - In einer Stunde treffen wir uns im Gasthof. - Ist das okay?"
Feldmüller zerrte das Handy aus der Tasche. Er wählte die Kurzwahl, atmete dreimal tief ein und aus. "Chef?", meinte er, nachdem der Polizeidirektor abgenommen hatte. "Hier Feldmüller. - Ich habe schlechte Nachrichten ..."

Währenddessen lief Kriminalhauptkommissar Hinrich zurück in den Jugendbunker. "Sagen Sie Ihren Leuten, die sollen sofort verlegen. Nach Görkes, Dorfstraße Eins. - Unauffällig und schnell! Verstanden?" Hinrich nahm den Einsatzbefehl zur Hand, strich einfach das Wort Feldbach durch, schrieb Görkes darüber und machte sein Kürzel dahinter. "Damit es offiziell ist."
"Dafür brauchen wir aber einen neuen Antrag, bestätigt durch die Staatsanwaltschaft ... Das verlangt die Demokratie." Der Beamte zögerte.
Nun wurde Hinrich laut. "Demokratie!", fluchte der Leipziger. "Ich pfeif auf die Demokratie! Ich sagte schnell und unauffällig. Und ich sagte nicht, dass wir erst jemanden fragen müssen! Wollen Sie vielleicht noch das Bundeskanzleramt einschalten und eine EU-Kommission gründen? Verdammt noch mal, begreifen Sie nicht? Es geht um das Leben von Kindern! Und nun machen Sie, dass was passiert! Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt? - Es geht um das Leben von Kindern! Sparen Sie sich Ihren bürokratischen Krimskrams und bewegen Sie Ihren Arsch. Die Verantwortung übernehme ich! - Wenn's sein muss."
Der Beamte schwitzte stark. Doch sein Zögern hatte ein Ende.
Hinrich atmete auf. "Na bitte, geht doch", meinte er, nachdem der Beamte mit seinen Kollegen gesprochen hatte.

Die Schwester von Gottlob saß auf der Truhe. Sie streckte die von einer starken Cellulitis zersetzten Beine von sich.
"Wann kommen die denn?", nuschelte sie flüsternd.
Gottlob stand am verhangenen Fenster. "Was weiß denn ich! Sie werden kommen, wenn sie es für nötig halten." Er lief ein paar Schritte durch die Küche. Dann wartete er wieder am Fenster. Auf der Fensterbank stand die angefangene Flasche Bier, die er in die Hand nahm und an die Lippen setzte. "Der erste ist tot", sagte er noch, bevor er trank und sich sein Adamsapfel auf und ab bewegte.
Gottlobs Schwester schwieg längere Zeit und rieb sich aufgeregt die Hände. "Du willst ihn da unten liegen lassen?"
Er sah seine Schwester nicht an. "Wir dürfen sie nicht berühren. Außerdem ist er da unten am besten aufgehoben. Niemand wird ihn finden."
"Warum nicht anfassen?", fragte sie. "Was haben die denn?"
Gottlob nahm einen kräftigen Schluck und stellte die leere Flasche auf die Fensterbank zurück. "Es wird schon seinen Sinn haben, wenn die Leute in Schutzanzügen kommen. - Vielleicht haben wir uns längst angesteckt ..."
"Angesteckt? Sind sie denn krank?" Die Alte schüttelte sich. Wieder machte sie ihre dicken Beine lang.
"Ich hätte mich nicht mit Boger einlassen sollen." Gottlob schob erneut die alte Gardine zur Seite und schaute hinaus, als würde er jemanden erwarten.
Sie lachte plötzlich laut. "Dann würdest du jetzt aber im Knast sitzen."
Er stellte sich provozierend vor seine Schwester. "Halt dein Maul!" Dann lief er zur Tür. "Ich gehe meine Runde. Du bleibst hier."
Als er draußen war, murmelte die alte Frau aufgeregt: "Ich habe noch nie einen Toten gesehen."

Heinz Gottlob spielte längst mit dem Gedanken, davonzulaufen. Doch die Gier nach der versprochenen Belohnung siegte über seine Angst.
Draußen dunkelte es bereits. Noch immer war der Himmel klar, der Mond tauchte den verwilderten Garten in ein klares Licht. Die Sterne schienen nah. Ein herrlicher Abend.
Die Polizei hatte sein Auto mitgenommen! Ob sie Spuren des Mädchens finden könnten? Alles war noch schlimmer geworden. - Was musste das dumme Ding auch so schreien!
Ob die Polizei das Haus beobachtete? - Nein. Sonst hätten sie ihn längst geholt.
Gottlob trat das hohe Gras nieder und schlich durch den Garten. Da war niemand. Nur die Grillen zirpten und einige zwitschernde Vögel waren zu hören.
Der alte Mann kroch umständlich durch den zerfallenen Zaun und ging langsam zur Straße. Er sah sich um. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich die von Graffiti übersäte Bushaltestelle, die seit zwei Jahren vom Nahverkehr nicht mehr angefahren wurde. Sechzig Meter weiter stand das Haus von Klara Sturm, die mittlerweile auf dem Friedhof lag. Sie hatte keine Nachkommen, der Nachlassverwalter konnte das Grundstück nicht verkaufen.
Ein Auto raste durch den Ort, dumpf tönten die Bässe durch die geöffneten Fenster. Am Lenkrad saß ein junger Mann, schnippte eine Zigarette auf die Straße.
Sekunden später verebbte das Geräusch und Gottlob ging zurück ins Haus.
Seine Schwester hatte sich hingelegt.
Nun setzte er sich auf die Truhe.

Erschrocken sah der Alte auf. War er für kurze Zeit eingeschlafen? - Die beiden Fenster zur Straße leuchteten für wenige Momente grell und rot. Etwas schnarrte an der Tür.
Zurückhaltend stand Gottlob von der Truhe auf, machte einen Schritt in Richtung Haustür.
Wie von Geisterhand wurde die labile Tür aufgerissen. Eine Sekunde lang konnte der Alte in einen Transporter blicken, der mit geöffneten Türen bis auf wenige Zentimeter an die Hauswand herangefahren war. Autoabgase schwebten in die Küche.
Aus dem Nichts kamen die beiden Gestalten. Wie Raumfahrer wirkten sie, in ihren weißen Schutzanzügen. Die Gesichter hinter den Helmen waren nicht zu erkennen.
Einer hob seine Hand.
Gottlob fühlte ein Stechen in der Stirn, wie von einer Wespe. Den hohlen Ton des Schusses aus der schallgedämpften Waffe konnte er nicht mehr verarbeiten, das Nervenzentrum seines Gehirns wurde sofort zerstört. Zwanzig Sekunden stand der alte Mann kerzengerade, Blut drang vorn und Gehirnmasse hinten aus seinem Schädel, in der Küchenwand hinter ihm, über dem verdreckten Abwasch, klaffte ein faustgroßes Loch.
Gottlob brach tot zusammen und fiel wie ein Sack Kartoffeln auf den Boden. Sein Kopf schlug mit einem knirschenden Geräusch ein letztes Mal gegen die Truhe.
Die Person, die geschossen hatte, ging sogleich in das Schlafzimmer, zielte auf den Körper der Schwester, die gerade aus ihrem Schlaf erwachen wollte. Wieder erklang der schallgedämpfte Ton. Einmal, zweimal, dreimal. Daunenfedern flogen durch den Raum.
Die fremde Person drehte sich um und lief zurück in die Küche. Gemeinsam mit dem Begleiter wurde die Truhe zur Seite gehoben. Die Bodenklappe kam zum Vorschein.
Es waren zwei kräftige Männer, die in den Schutzanzügen steckten. Einer nahm einen kleinen Koffer aus dem Fahrzeug.
Der andere riss die Bodenklappe auf und ließ sie gegen die Wand knallen, ein nach unten gerichteter Lichtstrahl flammte aus einer starken Taschenlampe auf.
Sekunden später standen die beiden mit weißen Schutzanzügen bekleideten Männer im Keller des Hauses.
Auf einem Bett, beschmiert mit Exkrementen, versteckte sich ein Junge, zitternd, eine alte Graudecke bis zum Kinn gezogen. Daneben lag regungslos ein weiteres Kind. Dieses Kind wurde von einem der Männer untersucht, der anschließend dem anderen zunickte.
Der erste Mann griff zu und hielt den verängstigten, zusammengekauerten Jungen fest, der zweite öffnete seinen Koffer, nahm einen Mullverband heraus, dazu einen Abroller mit braunem Paketklebeband. Dem Kind wurde die Decke weggezerrt. Es war nackt. Rücksichtslos setzte der Mann das Paketklebeband am Hinterkopf des Jungen an, drückte den Mullverband vor dessen Mund und zog das Klebeband darüber. Drei Runden um den Kopf folgten, dann löste der Mann den Streifen vom Abroller, während der zweite Mann das Ende des Klebestreifens festdrückte. Dieser hob den Jungen hoch und stellte ihn auf die Füße. Er zog die Arme des Kindes gerade nach unten, während der andere den Klebestreifen am Bauch des Jungen erneut ansetzte und mehrmals um den Körper laufen ließ. Ebenso wurden die Beine des Jungen gefesselt.
Der andere Mann griff in den Koffer, nahm eine Spritze heraus, entfernte die Hülle über der Nadel, setzte die Spritze unterhalb der Schulter des Jungen an und blickte fragend zu seinem Mitstreiter. Der nickte, worauf der Mann zustach und die Injektion setzte. Anschließend zog er die Nadel mit einem Ruck heraus und legte die Spritze zurück in den Koffer.
Der Junge rutschte zusammen.
Einer der Männer nahm einen Kunststoffsack zur Hand, schüttelte diesen, sodass er sich von allein entfaltete und zog ihn mit einem Ruck über den Körper des geknebelten Jungen, den der zweite Mann hielt. Am Kopfende des Sackes war ein Filter eingearbeitet, so dass der Junge nicht ersticken konnte. Die beiden Männer legten das Kind auf den Lehmboden und schlossen den Kunststoffsack am untern Ende.
Gemeinsam schafften sie den Sack nach oben, stiegen durch die Haustür in den Kastenaufsatz des Fahrzeuges, öffneten einen Geräteschrank auf der linken Seite und legten das verpackte Kind hinein. Der Schrank wurde verschlossen und verriegelt. Auf der rechten Seite öffneten sie einen weiteren Schrank, einer der Männer nahm einen blauen Müllsack heraus, der für das tote Kind bestimmt war, während der zweite Mann nach einem Kanister griff. Zunächst gingen sie gemeinsam in den Keller zurück, verpackten das tote Kind und trugen es hinauf. Während der erste Mann den Sack mit der Leiche im Werkzeugschrank verstaute, begann der zweite damit, das Benzin breitflächig im Haus zu verteilen. Zuletzt legte er eine drei Meter lange Zündschnur vom halb gefüllten Kanister bis zur Haustür. Der andere Mann war in das Führerhaus des silbernen Vito gestiegen, ließ den Motor an und fuhr einen Meter vorwärts. Nun schloss der zweite die Hecktüren, verriegelte diese, beugte sich zum Ende der Zündschnur, nahm ein Feuerzeug aus einer Tasche des Schutzanzuges, benötigte einige Momente, bis sich die Flamme entzündete und die Zündschnur Feuer fing. Das Ende der brennenden Zündschnur warf er ins Haus und schloss die Tür.
Er beeilte sich einzusteigen, das Fahrzeug raste davon.
Es hielt einige Kilometer von Görkes entfernt, hinter einer Mauer, die zu einem unbenutzten Lagerplatz gehörte, auf dem einige Ballen Stroh moderten. Dort zogen die beiden Männer ihre Schutzanzüge aus, brachten in wenigen Sekunden die Nummernschilder des Mercedes an, verstauten die nicht mehr benötigten Dinge unter einer Bank und fuhren auf kleinen Nebenstraßen Richtung Norden.

Matti kniete auf der Holztreppe und lauschte. Manchmal hörte er Stimmen. Er hatte sich die Decke über die Schultern gezogen, nur der Kopf schaute heraus. Mitunter knarrte es über ihm, als würde jemand auf die Klappe treten.
Was die Stimmen sagten, konnte Matti nicht verstehen.
Wie lange war er schon eingesperrt?
Er hatte geträumt, von Sonne und Wärme, vom Mama und Papa. Das Erwachen war schrecklich, das vorsichtige Tasten nach Kevin, der sich kalt anfühlte, der nicht mehr Kevin war, der nicht mehr hustete und schniefte.
Matti hatte schreckliche Angst. Angst, die ihn auffraß, die ihn immer wieder aufschrecken ließ. Schüttelfrostanfälle folgten, dass es den Jungen fast zerriss.
Ewiges Starren in die Dunkelheit.
Mama und Papa waren da. Und immer wieder Kevin.
"Was hast du gesagt?" Matti war hochgefahren, denn er hörte den Freund im Traum reden.
Dann sah Matti Kevins Mutter.
"He, du musst nicht SIE sagen. Kevins Freunde nennen mich Miriam. Sag ruhig DU zu mir." Es war, als fühlte Matti ihre Hand auf seinem Kopf. Und Kevin stand daneben und grinste.
"Darf Matti bei uns schlafen?", nutzte Kevin die Situation aus.
"Willst du denn?" Lächelnd schaute sie Matti an.
"Wenn noch Platz ist ...", antwortete Matti.
"Ein Kind mehr oder weniger fällt bei uns nicht auf. Aber abends ist Ruhe. - Klar? - Sonst schlafen die Kleinen nicht." Und schon griff Frau Franke nach dem Telefon und rief bei Mattis Eltern an.
Matti fühlte sich wohl in dem turbulenten Haus von Familie Franke.
Als er das erste Mal das neue Haus in Zellerau sah, hatte sich Matti umgeschaut. "Gibt's hier denn keine anderen Kinder?" Zu still war es im Dorf.
Am Abend des Tages, als er zum ersten Mal bei Kevin schlief, lag er neben Kevin im Bett und sie haben Bücher gelesen. Niemand, außer Kevin, hatte so viele Bücher! Dass es keine DVDs und keinen Computer bei den Frankes gab, das störte Matti nicht. Umso glücklicher war dagegen Kevin, wenn er bei Matti ungestört am Rechner sitzen und spielen durfte.
Matti erinnerte sich, dass Kevins Mutter ihm immer einen Gutenachtkuss gab, so wie ihren eigenen Kindern.
Und dann, als das Licht aus war, lagen sie in einem Bett und flüsterten.
"Wenn ich groß bin", sagte Kevin, "will ich Kapitän sein. - Du glaubst nicht, wie geil es ist, so ein großes Schiff zu führen!"
"Bist du denn schon mal mit so einem Schiff gefahren?"
"Nein. - Du?"
"Hm. Wir fliegen jedes Jahr nach Griechenland in den Urlaub. Dort fahren wir manchmal auf Schiffen."
"Und?"
"Ich muss immer brechen."
Kevin kicherte.

Ein Poltern weckte Matti aus seinem Traum. So schnell er konnte, kroch er rückwärts die Stiege hinunter und setzte sich auf das Bett. Er zog die Decke über das Kinn und schaute ängstlich hinauf.
Die Luke wurde aufgerissen, Licht blendete Matti. Es krachte. Er erkannte die beiden Gestalten, die nacheinander mit derben Schritten in den Keller kamen. Sie trugen Schutzanzüge und wirkten riesig.
Für einen Moment sah Matti die weit aufgerissenen Augen seines Freundes neben sich, sah Kevins merkwürdig bleiches Gesicht im Taschenlampenlicht.
Im gleichen Moment riss ihm ein Fremder die Decke weg und hielt seine Arme fest. Der andere drückte Matti etwas vor den Mund und riss an seinen Haaren.
Der Junge versuchte sich loszustrampeln, doch es ging nicht. Kurz darauf fesselten sie seine Arme und Beine.
Der Junge fühlte einen Stich im Arm, seine Beine wurden schwer, es wurde dunkel.
Matti fühlte sich grob gepackt und hochgehoben. Man trug ihn hinauf! Er bekam kaum Luft, musste tief durch die Nase atmen. Doch die war verschnupft. Ein blechernes Geräusch war zu hören, dann war einige Zeit Ruhe. In Mattis Kopf drehte sich alles.
Keinen Zentimeter konnte er sich bewegen. Sein Fuß krabbelte, er ruckelte hin und her, bis er schließlich völlig feststeckte. Was hatten DIE vor mit ihm?
Wieder war ein Geräusch zu hören, als würden Bleche aneinander reiben. Kurz darauf heulte ein Motor auf. Einige Minuten darauf, begann alles zu wackeln.
Mattis rechter Arm, den er nicht vom Körper lösen konnte, lag auf einer Kante und begann zu schmerzen. Der Junge fühlte ein Vibrieren. Wohin brachte man ihn? Dass er in einem Auto lag, wusste Matti längst. Im Kofferraum? Papa hatte ihn im Spaß im Kofferraum mitfahren lassen, ein paar Meter nur, weil Matti es ausprobieren wollte. Als die Klappe zu war, hatte Matti große Angst gehabt. Damals war er sieben und wollte das nie wieder.
Matti schlief.
Der Junge wusste nicht, ob und wie lange er geschlafen hatte. Das Auto schien zu stehen.
Matti bewegte seinen Kopf, bis ein Widerstand da war, dann zurück, dann etwas heftiger. Sein Kopf stieß gegen etwas, doch es war fast nichts zu hören. Wer sollte das Geräusch bemerken?
Zeit verging, der Junge fühlte außer dem Kopf nichts. Immer, wenn er wach war, saugte er die Luft durch seine Nase ein. Ihm war schlecht und der Kopf tat weh.
Das Auto fuhr wieder. Lange, lange Zeit. Nur hin und wieder musste es halten, ohne dass der Motor ausgemacht wurde.
Diese Dunkelheit! Wenigstens war es nicht mehr so kalt. Trotzdem zitterte Matti.

Nach langer Zeit fiel Matti auf, dass er den Motor nicht mehr hörte. Ein Blechgeräusch ertönte. Er fühlte sich unsanft über eine Kante gezerrt und angehoben. Sehen konnte er nichts. Er wurde getragen, spürte die kräftigen Arme, die ihn hielten.
Jemand legte ihn auf eine harte Unterlage. Minuten vergingen. Unverständliche Stimmen waren zu hören.
Es wurde hell. So hell, dass Matti nur schemenhaft die Gestalten erkennen konnte, die sich um ihn herum beschäftigten.
Eine Schere blitzte auf, wieder riss ihn jemand an den Haaren, so derb, dass der Junge aufschrie und den eigenen Schrei hörte, denn den Mundknebel hatte man entfernt.
Mattis Beine wurden gelöst, dann die Arme.
Die fremden Menschen trugen merkwürdige Raumfahreranzüge. Sie bewegten sich leise. Es waren drei Personen. Die Gesichter konnte Matti nicht erkennen.
Für einen Moment sah Matti den eigenen Körper, nackt und dreckig. Er spürte, dass seine Füße wieder festgebunden wurden, kurz darauf die Arme.
Matti lag auf dem Rücken, sah immer wieder die Gestalten und eine helle Lampe über sich.
Jemand rollte einen Tisch heran, der wahrscheinlich zu einem Krankenhaus gehörte. Solche Instrumente hatte Matti gesehen, als er zum letzten Mal Oma besuchen durfte.
"Omi Gertraud hat es geschafft. Sie ist jetzt ein Engel und passt auf, dass du keinen Blödsinn machst." Mama hatte schrecklich geweint. Warum nur weinte Mama, wo Omi Gertraud doch ein Engel war?
Der Junge biss die Zähne zusammen, schaute zu seinem Arm, in den schon wieder jemand gestochen hatte. Die Spritze steckte noch darin. Eine der Gestalten schloss einen Schlauch an das Ende der Spritze an.
Kurz darauf verschwammen die Raumfahrer und das ganze Zimmer zu einer breiigen Masse.
Matti schlief.
[...]